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Sorge um ein Erfolgsmodell Realschule - 1.3.13

Diskussionsrunde in Schwendi zu Realschule, Gemeinschaftsschule, Ganztagsschule

Von Bernd Baur

SCHWENDI – Ist die Realschule ein Auslaufmodell? Diese Frage stellt sich der CDU-Landtagsabgeordnete Peter Schneider spätestens seit der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann vergangenes Jahr das Bildungssystem auf dem Weg zum Zwei-Säulen-Modell beschrieb. Gemeinschaftsschule und Gymnasium, das sollen demnach die Pfeiler sein. Die Realschule taucht nicht mehr auf.

„Das hat mich elektrisiert“, sagt Schneider, und offenbar treibt die Sorge um die Realschule die ganze Landes-CDU um. Rückenwind für diese Schulart will sie deshalb erzeugen, für ihren Erhalt kämpfen, und organisiert Veranstaltungen mit Fachleuten und Abgeordneten. Peter Schneider hat für seinen Wahlkreis am Dienstag zum Gespräch nach Schwendi ins Weishaupt-Forum geladen: Realschulrektoren, Bürgermeister, Lehrer, Elternvertreter, Gemeindeparlamentarier, Vertreter aus der Wirtschaft. Etwa 80 Personen kamen.

Als Nicht-Bildungsexperte wolle er zuhören, „was Sie mir mitgeben“, erklärte Schneider. Doch er machte auch aus seiner politischen Position keinen Hehl. Mit der Abschaffung der Bildungsempfehlung in Klasse vier durch Grün-Rot würden schnell Schularten zur Debatte gestellt, kritisierte er. Die Veränderungen seien durch Ideologie bestimmt und das Leistungsniveau vielleicht nicht zu halten. Die Realschule sei ein Erfolgsmodell und das solle auch in Zukunft so bleiben, forderte der CDU-Abgeordnete, „ohne die Gemeinschaftsschule schlecht reden zu wollen“.

Dass viele Gemeinden nur auf das Pferd Gemeinschaftsschule springen, um den Schulstandort zu erhalten, sagt Schwendis Bürgermeister Günther Karremann. Als Schulträger stelle er fest, „dass bestehende Realschulen an der langen Hand ausgehungert werden sollen“. Sein Appell an die Landesregierung: „Die Realschulen sollen wenigstens mit den gleichen Ressourcen wie die Gemeinschaftsschulen ausgestattet werden.“ Eine Forderung, der sich nicht nur Rektor Marcus Pfab von der Dollinger-Realschule Biberach anschloss. „Wir wollen uns als Realschule weiterentwickeln. Dafür brauchen wir eine Analyse der Bedingungen vor Ort, die gleichen Ressourcen und vor allem Sicherheit“, erklärte Pfab, der wie andere auch auf die regionale Schulentwicklungsplanung wartet.

„Bevor diese nicht da ist, sollte die Genehmigung weiterer Schulen gestoppt werden“, sprang ihm Karlo Hafner aus Blaustein, Mitglied im Landesvorstand der Realschulrektoren, bei. Er glaubt, „dass wir für ein entsprechendes Klientel von Schülern Stütze brauchen, da ist die Gemeinschaftsschule die richtige Schule“. Allerdings könne sie erst in sechs Jahren zeigen, ob sie sich bewährt, „dagegen hat sich die Realschule in Jahrzehnten bewährt“.

„Der Veränderungsprozess ist auf einem bedenklichen Weg, er ist ideologisch aufgeladen“, bemängelte Frank Eckardt, Rektor der Realschule Ochsenhausen. Dies führe zur Spaltung der Schulfamilie. „Wir können es uns nicht leisten, dass Kinder und Eltern in so einem Glaubenskrieg verunsichert werden.“

Die Mehrheit der Eltern und Kinder lehne eine Ganztagsschule ab, meint Karlo Hafner. Zustimmung erhielt er von einer Elternvertreterin. Dagegen plädierte ein Elternvertreter für Ganztagsbetrieb, „damit Frauen arbeiten können“.

Eine Lanze für die Gemeinschaftsschule brach Dr. Romy Popp, Rektorin der Friedrich-Adler-Realschule Laupheim. Sie strebt für ihre Schule eine Umwandlung zur Gemeinschaftsschule an. Bestimmte Standortfaktoren sind für sie dabei genauso ausschlaggebend wie die Tatsache, „dass man dadurch dem noch heterogeneren Schülerbild gerechter wird und die Kinder individuell zu einem auch qualitativ guten Abschluss führen kann“. Ganztagsschule heißt für sie: „Wenn das Kind um 15.30 Uhr aus der Schule kommt, hat es keine Hausaufgaben mehr, ist fertig, hat Freizeit, die Schultasche bleibt in der Schule.“

Diesen idealtypischen Fall kann sich Realschullehrer Josef Lerch aus Schwendi nicht vorstellen. Er sieht die Diskussion um die Gemeinschaftsschule nicht entspannt. Nur weil die Hauptschule ausgeblutet worden sei („Hier hat die CDU auch Fehler gemacht“), stelle sich das Problem. Er würde das Rad am liebsten zurückdrehen, zu einem Drei-Säulen-Modell mit Stärkung der Hauptschule. Dem Abgeordneten Schneider gab er mit auf den Weg: „Die CDU soll nicht nur reden, sondern auch handeln. Und wie in anderen Ländern ein Bürgerbegehren gegen die Gemeinschaftsschule starten.“

Willi Hitzler vom Staatlichen Schulamt Biberach versprach, die Sorgen ernst zu nehmen. Eine behutsame Vorgehensweise mahnte der Unternehmer Siegfried Weishaupt an. Er würde sich keine so radikalen, tiefgreifenden Einschnitte wünschen, als Arbeitgeber sei er mit dem bisherigen Schulsystem in der Vergangenheit gut gefahren.

Ernstes Thema, ernste Mienen: Aufmerksam verfolgen Unternehmer Siegfried Weishaupt (links), der CDU-Abgeordnete Peter Schneider (Mitte) und Weishaupt-Personalleiter Wolfgang Würth die Wortmeldungen zur Zukunft der Realschulen. Foto: Bernd Baur

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Ausgabe Laupheim 1.3.2013