"Du hast Laupheim acht Jahre lang gut getan" - 5.3.18

650 Besucher und drei Redner verabschieden Laupheims OB Rainer Kapellen mit viel Lob und Dank

Viele Hände mussten Rainer Kapellen und seine Frau Ursula schütteln. Foto: Schick

Von Reiner Schick

Laupheim - Mit viel Lob für sein achtjähriges Wirken ist Laupheims Oberbürgermeister Rainer Kapellen am Sonntag im voll besetzten Kulturhaus aus dem Amt verabschiedet worden. Heute Abend tritt Gerold Rechle offiziell die Nachfolge an. Es sprachen der ehrenamtliche OB-Stellvertreter Clemens Graf Leutrum für die Stadt, Regierungspräsident Klaus Tappeser für das Land, Landrat Dr. Heiko Schmid für den Landkreis und Dr. Christoph Palmer, Staatsminister a. D., für die Allianz Deutscher Produzenten Film/Fernsehen - und am Ende Kapellen selbst. Die Lobeshymnen kommentierte er mit einem Anflug von schwarzem Humor. Bei Beerdigungen, sagte er, gelte der Spruch: "Der Mensch ist besser als sein Ruf, aber schlechter als sein Nachruf."

Nun schied Rainer Kapellen zum Glück nicht aus dem Leben, sondern nur aus dem OB-Amt, aus dem man ihn - anders als bei einem Begräbnis - mit einem Händedruck verabschieden konnte. Und diese Gelegenheit nutzen rund 650 Besucher, darunter allerlei Prominenz aus Politik, Kirche und Wirtschaft, so dass sich eine lange Schlange bis fast zum Kulturhaus-Parkplatz bildete und der offizielle Teil mit fast halbstündiger Verspätung begann. In den Redebeiträgen herrschte denn auch eine deutlich humorvollere Stimmung als auf einem Friedhof, und auch das Laupheimer Salonorchester unterhielt mit durchaus schwungvollen musikalischen Beiträgen.

Clemens Graf Leutrum erklärte sich die Tatsache, dass er für die Stadt die Verabschiedungsrede halten dürfte, unter anderem damit, dass man dem Adel nachsage, dass er eher in der Vergangenheit lebe und so den Rückblick gewohnt sei. Leutrum erinnerte an die Inthronisierung von Rainer Kapellen vor fast genau acht Jahren, am 6. März 2010. Damals habe Landrat Dr. Schmid gleich eine halbe Haushalts-Mahnrede gehalten. "Der Ruf der Stadt war angekratzt, der Gemeinderat zerstritten und auf jedem Baum saß ein Totenvogel. Sie merken, nicht alles hat sich geändert", sagte Leutrum nun. Kapellen habe das Amt voller Elan angetreten und die Stadt über acht Jahre sehr erfolgreich geführt. Er erspare den Anwesenden eine Aufzählung aller umgesetzten Projekte. Viel wichtiger sei, dass sich die Laupheimer Bürger in ihrer Stadt "selten so wohl gefühlt haben wie heute".

"Laupheimer fühlen sich pudelwohl"

Leutrum begründete diese Erkenntnis mit einem augenzwinkernden Blick auf einige Zahlen. In den vergangenen acht Jahren sei die Bevölkerung Laupheims um 14 Prozent gewachsen, die Zahl der Arbeitsplätze um 27 Prozent, die jährlichen Eheschließungen um 43 Prozent und die Geburtenzahlen um 84 Prozent gestiegen. Und mit 765 gebe es heute 40 Prozent mehr Hunde als 2010. "Sie sehen, die Laupheimer fühlen sich pudelwohl." Laupheim müsse auch den Vergleich mit Berlin nicht scheuen. Nicht zuletzt dank des Einsatzes von Kapellen habe man hier weiterhin "einen funktionierenden Flughafen" sowie statt der Berlinale einen Laemmle-Produzentenpreis, außerdem im Verhältnis siebenmal mehr Vereine als die Bundeshauptstadt und aufgrund eines ordentlichen Haushalts und erfolgreicher Wirtschaft eine starke Finanzkraft. "Wir sind also lieber konservativ, nachhaltig und reich", sagte Leutrum in Anspielung auf den regierenden Berliner Bürgermeister Wowereit, der seine Stadt als "arm und sexy" bezeichnet hatte.

Außerdem habe Landrat Dr. Schmid bei seiner Rede vor acht Jahren geunkt, dass sich Kapellen der Aufsicht des Landrats nicht werde entziehen können, weil es angesichts der demografischen Entwicklung nichts werden würde mit der Großen Kreisstadt Laupheim. Die SZ habe es damals schon geahnt und geschrieben: "Wenn er sich da mal nicht täuscht. Der Ehrgeiz der Laupheimer ist jetzt schon angestachelt." Das Ergebnis ist bekannt. Und so bekam am Sonntag Regierungspräsident Klaus Tappeser den Redevortritt vor dem Landrat.

"Du hast Laupheim acht Jahre lang gut getan", würdigte Tappeser die Arbeit seines alten Freundes Kapellen, den er auch von gemeinsamen Funktionärszeiten im Württembergischen Landessportbund kennt. Wie gut seine Arbeit als Bürger- und Oberbürgermeister gewesen sei, zeige sich unter anderem an der beträchtlichen Reduzierung der Schulden und einer gleichzeitigen Steigerung der Steuerkraft Laupheims um 67 Prozent. Die brummende Wirtschaft erfordere die Schaffung von Wohnraum durch eine ausgewogene Flächenpolitik, dieser schwierige Auftrag sei von der Stadt Laupheim erfüllt worden. Auch beim Thema Bildung und Betreuung habe man unter Kapellens Regie Beachtliches geleistet. So liege Laupheim beim Angebot an Kinderbetreuungsplätzen deutlich über dem Landesdurchschnitt. "Es ist eine wirklich prosperierende Stadt."

Die Antwort auf die Frage, weshalb ein Mann, der seine Karriere systematisch aufgebaut habe, angesichts solcher positiven Kennzahlen sein OB-Amt aufgebe, lieferte Klaus Tappeser gleich selbst. "Ich glaube, das geht uns alle gar nichts an", sagte er und erntete Beifall vom Publikum. Die aus persönlichen Gründen getroffene Entscheidung verdiene großen Respekt. Nicht jeder in einer vergleichbaren Situation habe diesen Mut, "andere werden mit den Füßen voraus aus der Amtsstube getragen".

Der Landrat reimt

Landrat Dr. Heiko Schmid fasste seine Rede in heitere Reime mit der Bitte, nicht jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. "Laupheim schlägt wieder große Wellen, von Bord geht er, Rainer Kapellen. Acht Jahre hielt er fest das Steuer, es war nicht jedem stets geheuer", dichtete Schmid und ließ im Folgenden nebst Erfolgsgeschichten wie die städtischen Finanzen, Wirtschaft ("Ob Uhlmann, Rentschler, oder LUK, alles top, wo na i guck!"), Hubschraubergeschwader, KfZ-Zulassungsstelle oder Laemmle-Produzentenpreis auch die unangenehmen Themen nicht außen vor: "Beim Lenken der Kommunal-Geschicke lauern gern so manch' Fallstricke. Und so ziemlich 's größte Ei bei dir war die Kleemeisterei. Das war nicht koscher, roch nicht gut, darauf reimt sich Mut wie Wut. Und ging schon mächtig an die Kuddel, vor allem das hählinge Gebruddel."

Als dritter Redner lobte Dr. Christoph Palmer, Geschäftsführer der deutschen Produzentenallianz für Film und Fernsehen, den Einsatz Rainer Kapellens für die Produzentenpreisverleihung in Laupheim. "Er hat Mut gezeigt und immer an den Erfolg geglaubt", sagte Palmer. Und spätestens nach der erfolgreichen, "mit viel Herz und Liebe präsentierten" Premiere im vergangenen Jahr seien auch die Stimmen, die den Veranstaltungsort mit Skepsis beurteilt hatten, verstummt. Historische, kulturelle und traditionelle Themen seien wesentliche Elemente eines Zusammenlebens, und es sei "großartig, was hier in Laupheim mit Carl Laemmle geschieht".

Rainer Kapellen selbst war ob der Lobeshymnen sichtlich bewegt. Er sprach von "acht wunderbaren Jahren in Laupheim" und sagte in Anlehnung an ein Zitat des früheren US-Präsidenten Truman: "Ich habe acht Jahre mit dem Versuch verbracht, ein angenehmes Stadtoberhaupt zu sein." Die ganze Welt sei eine große Bühne, meinte Kapellen, "und der Sitzungssaal im Rathaus ist eine im ganz besonderen Sinn - manchmal auch ein Raubtiergehege". Natürlich habe man sich nicht immer mit Samthandschuhen angefasst. "Aber wir haben uns zum Wohl der Stadt teilweise kräftig den Hintern verrenkt. Wir haben Schulden abgebaut und gleichzeitig viele Projekte umgesetzt. Das ist eigentlich untypisch für Schwaben." Fehlerlos sei niemand, sagte Kapellen, aber er habe gelernt, diejenigen Menschen stärker zu respektieren, die ihm aus ehrlicher Überzeugung widersprochen hätten - "und es höflich taten!"

Rainer Kapellen überreichte seiner Mutter Rosemarie einen Geburtstagstagstrauß. Foto: Schick

Dank an Rathaus-Mitarbeiter

"Es sind vor allem die vielen zwischenmenschlichen Begegnungen, die mir in Erinnerung bleiben", sagte Rainer Kapellen und dankte allen, die "zu dem gemeinsam Erreichten" beigetragen hätten - nicht zuletzt seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Rathaus, allen voran seiner langjährigen Assistentin Margarete Glass. Der größte Dank freilich gebühre seiner Familie für die Unterstützung. Ganz besonders freute sich Kapellen, dass neben seiner Frau, seinen Kindern und seinem Bruder auch seine Mutter Rosemarie am Sonntag nach Laupheim gekommen war - und das an ihrem 79. Geburtstag. Dafür gab's vom Sohn, natürlich, einen Blumenstrauß.

Seinem Nachfolger Gerold Rechle, der heute Abend offiziell ins Amt eingesetzt wird, wünschte Kapellen viel Erfolg. "Die Geschicke der Stadt Laupheim werden mir weiterhin eine Herzensangelegenheit bleiben", sagte er. "Aber künftig der eigene Herr über meinen Terminkalender zu sein, das hat Charme."

Nach dem lange anhaltenden, am Ende stehenden Beifall der Besucher schritt Rainer Kapellen, begleitet von den Salutschüssen der auf dem Schlosshof versammelten Böllerschützen des Schützenvereins, zum goldenen Buch der Stadt Laupheim, um seine Unterschrift unter einen Von Dankeseintrag zu setzen - seine wohl letzte Amtshandlung als Oberbürgermeister von Laupheim.

Ab­schieds­ge­schen­ke für den OB: End­spiel, E-Bike-Bei­trag und ein Uni­kat

Laupheim - Was schenken? Das fragten sich die Redner vor der Verabschiedung von Rainer Kapellen aus dem OB-Amt. Mit Mandarinenten liebäugelte Clemens Graf Leutrum aus gegebenem Anlass, aus Sorge vor Repressalien aus dem RP habe er aber diese Idee wieder verworfen, meinte er. "Ich wollte welche mitbringen", konterte Regierungspräsident Klaus Tappeser später. "Aber mit den Tiertransporten ist es immer so eine Sache." Im Laupheimer Rathaus entschied man sich, dem Schalke-Fan Kapellen zwei Eintrittskarten für das DFB-Pokalfinale 2018 in Berlin zu schenken (Bild links). Die zu bekommen, sei nicht so leicht gewesen, erklärte Leutrum. Umso mehr gelte es nun zu hoffen, dass die Schalker das Endspiel auch erreichen. Gegner im Halbfinale ist Eintracht Frankfurt. Tappeser brachte statt Enten Blumen für Kapellens Frau Ursula mit. Die gibt's auch von Landrat Heiko Schmid - aber erst in vier Wochen. "Wenn die anderen verwelkt sind, bekommen Sie von mir frische Blumen geliefert", sagte er.

Für Rainer Kapellen hatte Schmid sofort etwas dabei: Einen Gutschein als Beitrag für ein E-Bike, das sich der scheidende OB offenbar anschaffen wolle. Und einen - schwarzen - Helm dazu (mittleres Bild). "Das hätten Sie ihm vor einigen Jahren schenken sollen, als vom Gemeinderat sein Dienstfahrzeug abgelehnt wurde", meinte Graf Leutrum später und erntete viel Gelächter.

Auf jeden Fall zum richtigen Zeitpunkt kam das Präsent von Christoph Palmer von der Produzentenallianz: Er ließ bei der Karlsruher Firma Majolika, welche die Laemmle-Trophäen für den Produzentenpreis herstellt, ein Miniatur-Laemmle fertigen (Bild rechts). Ein Unikat, wie er versicherte. Fotos: Schick

Copyright Schwäbische Zeitung -
Ausgabe Laupheim vom 5.3.2018